Kontakt

Patrick Bönki, Sozialarbeiter

Am Neumarkt 34
Recklinghausen-Süd
Telefon: 02361 31302
E-Mail: patrick.boenki@skf-recklinghausen.de

 
Recklinghausen, 22. November 2011  

"Hartz IV hat die Armut verfestigt"

Patrick Bönki vom SkF spricht über die traurige Erfolgsgeschichte des Tafel-Hilfsprojekts

Von Ulrike Geburek

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Der "Herr der Tafeln": Sozialarbeiter Patrick Bönki
kümmert sich beim SkF auch um die beiden Tafeln.
Foto: Gutzeit

Wenn die Armut in eine Sackgasse führt: Sinkende Arbeitslosenzahlen sind für die engagierten Ehrenamtlichen der Recklinghäuser Tafel kein Grund zum Aufatmen. Im Gegenteil. Sozialarbeiter Patrick Bönki, beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) für das besondere Hilfsprojekt zuständig, spricht über die traurige Erfolgsgeschichte, die 1999 unter dem Motto "Tischlein deck dich" begann.

Zwölf Jahre gibt es nun schon die Recklinghäuser Tafel. Rund 1 100 Berechtigungskarten sind im Umlauf. Davon profitieren etwa 3 000 Menschen. Ist das ein Grund zum Feiern?

Ein Grund zum Feiern ist es, dass uns so viele Leute unterstützen. Bei der Tafel arbeiten 80 Männer und Frauen, die das ehrenamtlich machen. Das ist eine ganze Menge. Außerdem können wir auf mehr als 40 Händler zählen, die uns beliefern. Nicht zu vergessen: Viele Gruppen, die an uns denken. Wir haben ein breites Netzwerk aufgebaut. Das ist beachtlich.

Aber es ist eine traurige Erfolgsgeschichte mit Blick auf die große Not Ihrer Kunden. Oder?

Ja, das sehe ich genauso. Mit der Hartz-IV-Reform hat sich für viele Leute die Armut verfestigt. Sie kommen nicht mehr vom Sozialhilfe-Niveau weg.

Die Grundidee war damals doch eine andere. Ging es nicht darum, den Überfluss unserer Konsumgesellschaft aufzufangen, und die Hilfe für Bedürftige war "nur" ein willkommener Nebeneffekt?

Stimmt. Es kann nicht angehen, dass wir so eine große Menge Lebensmittel fortschmeißen. Das ist ganz viel Motor für ganz viele Menschen, die sich bei uns engagieren. Trotzdem ist der soziale Gedanke längst in den Vordergrund getreten. Ja, leider. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Woran liegt das? Die Arbeitslosenstatistik erzählt doch etwas anderes.

Mal abgesehen davon, dass es immer einen harten Kern von erwerbslosen Menschen geben wird, sind sicherlich einige unserer Kunden ans Arbeiten gekommen. Aber viele können von dem geringen Verdienst nicht leben. Und sie kommen immer früher zu uns. Reichte das Geld sonst noch bis zum 25. des Monats, sind sie heute bereits am 15. da. Auch die Besucherfrequenz nimmt zu. Außerdem: Es gibt Berechnungen, dass nur drei Prozent der Menschen, die zur Tafel gehen könnten, das Angebot auch tatsächlich nutzen. Da müsste sich schon einiges auf dem Arbeitsmarkt tun, damit wir das merken.

Von einer Übergangslösung kann dann also nicht mehr die Rede sein?

Jein. Es gibt eine Menge Leute, denen wir übergangsweise helfen, die akut in eine Notsituation geraten sind. Für die sind wir Zusatz-Versorger. Aber für viele sind wir dagegen lebenswichtig geworden. Sie müssen mit dem Allernötigsten auskommen. Wir geben ihnen ein Stückchen finanziellen Spielraum.

Trotzdem kommen sie vermutlich ungerne?

Ja. Das ist so. Ich kenne keinen, der gerne kommt. Sie gehören eben nicht mehr dazu, gehen nicht in einen normalen Supermarkt, sind ganz unten. Oder fast ganz unten, denn es ist ja kein afrikanischer Hunger. Und das Schlimme, das Bittere ist, dass die meisten resignieren. Früher war das nicht so. Heute sagen sie "Ich bin Hartz IV" und geben auf. Diesen Satz höre ich ständig!

Ist das für Sie deprimierend?

Natürlich. Das ist mehr als deprimierend, zumal wir eine große Asymmetrie im Gefüge haben. Da sind die Leute, die helfen und diejenigen, die sich helfen lassen müssen und es gar nicht wollen. Wer zur Tafel geht, gibt etwas ab, lässt erst einmal die Buxe runter. Er bestimmt nicht mehr, was er einkauft, nicht mehr, wann er einkauft, und viele kaufen in dem Bewusstsein ein: Ich bekomme das, was die anderen weggeworfen haben. Leider können wir niemandem die individuelle Scham nehmen. Wir können den Leuten aber die Beschämung ersparen, wenn wir das Institutionalisierte weglassen. Überflüssige Kontrollen versuchen wir zu vermeiden und geben nur Sachen weiter, die tipptopp in Ordnung sind. Wir wollen ein ganz normales Geschäft sein, wenn auch mit einer etwas geringeren Auswahl.

Vor Jahren hatten Sie einen Aufnahmestopp. Gibt es den noch oder etwa eine Warteliste?

Nein, wer unsere Hilfe benötigt, der bekommt sie. Beratung inklusive, denn das ist ja eigentlich unsere Hauptaufgabe. Und die hat mit Blick auf die verschärfte Lage enorm zugenommen.

Wie ist die Akzeptanz in der Bevölkerung? Auch bei der Standort-Suche hatten Sie immer wieder Probleme.

Das war mal sehr extrem, hat sich aber gebessert. Zumal wir super nette Vermieter an beiden Standorten haben. Doch davon mal abgesehen, wird sich immer jemand beschweren.

Nimmt denn die gesellschaftliche Schieflage zu? Gibt es womöglich irgendwann einen dritten Tafel-Laden in RE?

Nein, denn die beiden Läden sind im Stadtgebiet gut verteilt und leicht zu erreichen. Was die Schieflage angeht: Ja, die Situation wird eskalieren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Mit dem Hartz-IV-Satz kann man zunächst leben. Auf dem Papier sieht das noch gut aus. Aber sobald größere Ausgaben anstehen, sei es Konfirmation oder Beerdigung, wenn etwas kaputt geht, Kleidung nötig ist, wird es plötzlich eng. Viele Leute haben nun eisern fünf, sechs Jahre durchgehalten, doch jetzt sind sie am Ende und besitzen noch nicht mal eine Perspektive.

Quelle: Recklinghäuser Zeitung